Maria Souto Böhm (M.A.)

                 


 Aktuelles Projekt: Untersuchungen zur Geschichte Gazas

Seit Jahrzehnten beschäftigen sich die Vereinten Nationen intensiv mit dem Nahostkonflikt. Im Jahre 2015 kam eine UN-Organisation zu der Einschätzung, dass der Gaza-Streifen bis 2020 „unbewohnbar“ werden könnte. Dies wäre ein historischer Bruch der langen Geschichte Gazas, das in verschiedenen Bereichen wie Wirtschaft, Handel und internationale Beziehungen seit Jahrtausenden eine große Bedeutung auf der Levante hat. Anhand einer Darstellung der Geschichte Gazas lässt sich zeigen, dass das Gebiet schon früher mehrfach wieder aufgebaut werden konnte und deswegen Aussicht auf eine bessere Zukunft für die Menschen in Frieden und Verständnis besteht. Die folgende Betrachtung soll zu einer intensiveren Beschäftigung mit der Geschichte Gazas anregen.

* * *

Auf der Karte Ägyptens und des Nahen Ostens – die Wiege der Zivilisation, Kultur und Religion – findet sich Gaza, ein kleines Gebiet zwischen See und Wüste an der Mittelmeerküste, welches eine bemerkenswerte und lange Geschichte von etwa 6000 Jahren hat. Das heutige Gaza liegt geographisch an derselben Stelle wie in der Antike, aber das historische Umland wird inzwischen auf den sogenannten „Gazastreifen“ reduziert. Gazas kulturelle Rolle ist verblasst und seine frühere wirtschaftliche Kraft verloren. Heute steht vor allem die schwierige politische Lage des Gebietes im Interesse der Öffentlichkeit.

Am Rande des Fruchtbaren Halbmondes gelegen, hatte Gaza eine Schlüsselstellung auf der Landbrücke zwischen Asien und Afrika und war Tor zur Wüste. Es war das Zentrum eines fruchtbaren und wasserreichen Gebietes von Ortschaften, ertragreichen Feldern und Gärten, wo Handelswege sich kreuzten und Häfen am Meer die Routen ins Mittelmeer öffneten. Schon früh wurde ihm deshalb von konkurrierenden Großmächten eine wichtige strategische Rolle aufgezwungen. Es wurde mehrfach erobert, zerstört, wiederaufgebaut, entvölkert und wiederbesiedelt.

Die ägyptische Herrschaft in Gaza begann nach der politischen Einigung des Niltals in der zweiten Hälfte des dritten Jahrtausends v. Chr. mit Beutezügen entlang der Mittelmeerküste nach Norden und im Negev. Sie führte zur Kolonisierung der kanaanitischen Bevölkerung. Die über eineinhalbtausend Jahre sich nach einander ablösenden Städte Tell as-Sakan und Tell el-‛Ajjul waren Verwaltungszentren, Militärstützpunkte, Sicherungsfeste der Handelswege, Produktionsstätte für Waren und landwirtschaftliche Produkte und Handelsplätze. Die Kolonie wurde zwar ägyptisiert, aber die Verlagerung ägyptischer Handelsinteressen, Klimakatastrophen und ein zeitweiliger innerpolitischer Zerfall Ägyptens führte mehrmals zum Rückzug der Großmacht aus dem Gebiet Gaza. Das Land blieb von Kanaanitern bewohnt und überlebte durch seine Landwirtschaft und durch bescheidenen lokalen Handel.

Die Stadt Gaza wurde Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr. gegründet und war im Neuen Reich Provinzhauptstadt eines wiedererstarkten Reiches. In dieser Zeit der pax aegyptica florierte der Handel trotz Zwangsabgaben an den Königshof. Aufwendig produzierte Waren und landwirtschaftliche Produkte wurden mit Ägypten getauscht oder in weit entfernte Regionen exportiert.

Nach dem Zusammenbruch der Handelssysteme im östlichen Mittelmeerraum gegen Ende des zweiten Jahrtausends v. Chr. und unbeeinflusst von benachbarten Großmächten bildeten eingewanderte Philister zusammen mit der einheimischen, ethnisch gemischten Bevölkerung einen politisch starken Städteverband. Ihre importierte technologische Überlegenheit wurde von ortsansässigen Handwerkern übernommen und zu einer spezialisierten Wirtschaft weiterentwickelt, die mit ihrer Produktvielfalt weit entfernte Märkte erschloss. Eine ähnliche politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit erlangte Gaza nie mehr.

Anders als unter ägyptischer Herrschaft, die größere Handelsfreiheiten erlaubte, und anders als in der Zeit der philistäischen Autonomie beuteten die nachfolgenden Assyrer das Land aus. Sieben Feldzüge gegen Gaza oder durch das Gebiet in Richtung Ägypten innerhalb von siebzig Jahren schwächten das Land. Das Netz der Königsstraßen wurde ausgebaut und diente militärischen Zwecken und dem Transport von Tributzahlungen und Steuerabgaben an den Euphrat. Die Assyrer versuchten, den Arabienhandel an der Stadt vorbeizulenken, Gaza konnte sich jedoch dank seiner Lage und seiner Erzeugnisse als wichtiges und attraktives Wirtschafts- und Handelszentrum behaupten. Es war für die Assyrer mit Blick auf Ägypten anfangs das „Zollhaus“, später der „Schlüssel“ zum Eingangstor an den Nil.

Nach dem Zusammenbruch des assyrischen und babylonischen Reiches wurde Gaza unter persischer Herrschaft ein kosmopolitisches, teil-autonomes Zentrum mit eigener Münzprägung. Durch gut ausgebaute Straßen, durch einen leistungsfähigen Hafen und internationale Karawanenwege war es mit griechischen, ägyptischen und kleinasiatischen Handelspartnern vernetzt. Der schon von den Assyrern staatlich geförderte Weihrauch- und Gewürzhandel wurde zu einer der wichtigsten Einnahmequellen.

Unter ptolemäischer und seleukidischer Herrschaft wandelte sich durch eine gezielte Hellenisierung die noch philistäische Stadt zu einer „Griechenstadt“. Obwohl sie sich in den schweren Auseinandersetzungen der Ptolemäer und Seleukiden behaupten und innerhalb eines komplizierten Besteuerungssystems der Ptolemäer Handel treiben musste, gelang es ihr, zum wichtigsten Handelszentrum zwischen Ägypten und Palästina zu werden, das seine Handelsverbindungen weit ins Mittelmeer ausdehnen konnte.

Trotz der Zerstörung der Stadt durch Alexander Jannaeus entwickelte sich Gaza unter der pax romana schnell zu einer reichen und bedeutenden, teilautonomen hellenistischen Stadt am östlichen Mittelmeer. Ein über zweihundert Jahre andauerndes feuchtes Klima, von den Römern ausgebaute Straßen, die Häfen Anthedon und Maioumas, die einen ungehinderten Seehandel ermöglichten, verminderte Transportkosten durch Überseefrachter mit großen Ladekapazitäten trugen dazu bei. Die Stadt ließ sich nicht in die jüdischen Aufstände hineinziehen, sondern huldigte den römischen Kaisern. Besonders Hadrian belohnte diese Treue und Wertschätzung mit Wohltaten. Ihren großen Reichtum erwirtschaftete die Stadt in dieser Zeit durch den Handel mit Weihrauch, Gewürzen und Waren aus Asien.

Der Weihrauchhandel kam mit den Nabatäern wieder in Schwung. Diese organisierten, beherrschten und verteidigten die Weihrauchroute von Petra nach Gaza: Die sogenannte Nabatäerstraße führte zu dem auf einem 70m hohen Felsplateau gelegenen Avdad. Zusammen mit Nessana und Elusa, welches die letzte Station vor Gaza im Negev war, handelte es sich bei Avdad um eine der wichtigsten nabatäischen Städte auf der Route.

Gaza war aber nicht vom Weihrauchhandel abhängig. Als in byzantinischer Zeit der Absatz sank, behauptete die Stadt ihren Wohlstand durch den Weinhandel. Das war möglich aufgrund einer Landwirtschaft auf dem Negev (Subeita), welche die Nabatäer mit Hilfe einer Bewässerungstechnik entwickelt hatten, um für größere Anbauflächen zu sorgen. Der Wein war kostbar und von so guter Qualität, dass er als Medikament diente. Er wurde nicht nur nach Ägypten und in die Levante exportiert, sondern sogar bis nach Gallien. Landwirtschaftliche Produkte wurden lokal vermarktet, aber vor allem blieb der Fernhandel ein wichtiger Faktor. Durch kulturelle Kontakte mit Völkern in verschiedenen Ländern entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Mischkultur, die eine Vielfalt in der Kunst hervorbrachte, wie die archäologischen Zeugnisse zeigen.

In der hellenistischen und frühen römischen Zeit gab es keine Juden in Gaza. Später siedelte sich eine jüdische Gemeinde an und kam im 5./6. Jahrhundert zu Wohlstand. Vermutlich zogen nach dem Bar Kochba-Aufstand Samaritaner in die Stadt. Ihre Anwesenheit ist seit dem 4. Jahrhundert belegt. Aus einer Synagoge ist ein berühmtes Fragment eines prächtigen Mosaiks mit einem Orpheus-Ideogramm erhalten, das für König David steht. Das Aramäische war Handels- und Diplomatiesprache. Auch das einfache Volk sprach Aramäisch, Griechisch war seit Anfang des Hellenismus die Sprache der Gebildeten und der Aristokratie.

 Während der blutigen Auseinandersetzungen zwischen der nichtchristlichen, griechisch geprägten Oberschicht und den Christen, die von der römischen Obrigkeit tatkräftige Hilfe erhielten, wurden Anfang des vierten Jahrhundert n. Chr. die alten Tempel zerstört, und den Bewohnern Gazas wurde das Christentum aufgezwungen. Die Gazäer konnten schließlich die Chancen, die die neue Religion ihnen bot, durch ihre Anpassungsfähigkeit und Aufgeschlossenheit zu neuem Wohlstand nutzen.

Im Zuge der islamischen Expansion wurde Gaza 634 von islamisch-arabischen Truppen eingenommen. Dass die Stadt seit langem mit den Arabern durch Karawanen und Handel eng verbunden war, hat wahrscheinlich zu einem raschen und friedlichen Herrschaftswechsel beigetragen.

Viele Bewohner Gazas nahmen schnell den muslimischen Glauben an – das stand im Kontrast zur Ankunft des Christentums, das ihnen aufgezwungen worden war. Die Bewohner, die Christen blieben, hatten die Erlaubnis, ihren Gottesdienst weiterhin zu praktizieren. Aus den archäologischen Funden geht nämlich hervor, dass viele Kirchen in Funktion geblieben sind. Die christliche Gemeinde blühte im islamischen Gaza auf. Es gab dort zahlreiche Klöster, in denen Mönche fromm zusammenlebten. Gleichzeitig aber waren Klöster Orte des Studiums, der Philosophie und der praktischen Anwendung von Wissen. Die Klöster konnten sich selbst versorgen und waren darüber hinaus in der Lage, landwirtschaftliche Produkte zu erzeugen, zu verarbeiten und mit diesen Handel zu betreiben, welcher Wirtschaftswachstum brachte. Arabisch, die Sprache des Korans, war fortan dominant, aber Griechisch und Aramäisch wurde (insbesondere unter den Christen in Gaza) weiterhin gesprochen.

Im 13. Jahrhundert unterstand Gaza verschiedenen muslimischen Herrschern aus Ägypten und dem Nahen Osten. Kreuzzüge, der Vormarsch der Mongolen und Epidemien waren Gründe für eine Schwächung und für das Nachlassen der traditionellen Geschäfte der früheren Handelsstadt Gaza. Aber sie überlebte, und unter der Verwaltung der Mameluken (1260-1517) profierte die Stadt und das ganze Gebiet Gaza von einer politischen Stabilität und einem wirtschaftlichen Wachstum. Die zweieinhalb Jahrhunderte währende Friedenszeit in Gaza bezeichnen Historiker als „goldenes Zeitalter“. Es wurden viele und prächtige Gebäude (sogar aus Marmor und Steinen aus dem Negev) erbaut. Viele Pilger und Besucher kamen auf ihrem Weg von Kairo nach Jerusalem (und umgekehrt) nach Gaza. Einer der Besucher war Felix Fabri (1483) – ein deutscher Dominikaner-Mönch und Schriftsteller. Er berichtete, dass Gaza der Hauptort in Palästina und zwei Mal wichtiger als Jerusalem sei. Fabri war beeindruckt, dass die Stadt nicht befestigt war, und stellte fest, dass sie Reichtum und eine angemessene Einwohnerzahl hatte. Es gab dort Moscheen, Krankenhäuser (bimaristan), Schulen (madrasa), Klöster (zawiya), Karawansereien (khan) und luxuriöse Bäder (hammam). Die Kunst war auf einem hohen Niveau ihrer Zeit.

Im Jahre 1516, während der Regierung des Sultans Selim I., ist Gaza in die Hände der Osmanen gefallen und in ihr Reich integriert worden. Die Karawanserei von Kanyunis wurde in eine militärische Einrichtung zur Kontrolle der Hauptstraße nach Kairo umgestaltet. So entstand ein neues urbanes Zentrum, das aussah wie eine Festung. Am Ende des 17. Jahrhunderts entwickelte sich unter der Regierung des Paschas eine besondere Form des Wachstums in Form von repräsentativer Bautätigkeit. Schöne Gebäude und ein Palast sind in dieser Phase entstanden. Im Februar 1799 ist Gaza nach der französischen Besetzung von Kairo durch die Truppen von Napoleon Bonaparte erobert und als Stützpunkt vor Ägypten eingerichtet worden. Durch den Feldzug der französischen Truppen wurde ein Teil der Stadt zerstört. 1887 zeichnete der Missionar George Gatt in den bestehen gebliebenen Gebieten der Stadt die Viertel, Straßen, Friedhöfe, Mausoleen, Moscheen, Kirchen, muslimische und christliche Schulen, Karawansereien, Märkte, Werkstätte, öffentlichen Bäder, Müller, Bauernhöfe, Wasserstellen und sogar eine Auswahl von Häusern wichtiger Personen auf. Nach einer weiteren Phase der osmanischen Herrschaft über Gaza endete diese 1917.

Resümee

Gaza erlebte während einer Zeit von mehr als viertausend Jahren zahlreiche politische Veränderungen und auch einen Religionswechsel. An Größe, Reichtum und wirtschaftlicher Stärke überragte Gaza nicht die anderen Städte im Mittelmeerraum. Sie war auch kein Zentrum der Wissenschaft oder Religion und strebte nicht nach einer politischen Vormachtstellung, sondern sie wurde von Großmächten beherrscht.

Gaza scheint dabei die doppelten Anforderungen der Großmächte meistens erfüllt zu haben: Strategische Festungsstadt zu sein und zufriedenstellende Abgaben zu zahlen. Um auch den eigenen Wohlstand fördern zu können, war ein pragmatisches Handeln der Oberschicht nötig, zu der vor allem Kaufleute gehörten: Berechenbar und treu den alten Herrschern gegenüber, aber anpassungsfähig und bereit zur Zusammenarbeit, wenn der Herrscher wechselte. Nach den Zerstörungen fanden in der Stadt verschiedene Bevölkerungsgruppen wieder zu einer Gemeinschaft zusammen. Gaza nahm Fremde auf und gliederte sie ein. Es knüpfte erfolgreich Handelsverbindungen mit der Ferne und erschloss neue Absatzmärkte. Politische und wirtschaftliche Niederlagen führten nicht zu dauerhafter Resignation, sondern Veränderungen wurden genutzt, um Lösungen zu finden und Neues anzunehmen, wenn es von Vorteil war. Neben der besonderen geographischen Lage war dieser kaufmännisch geprägte Pragmatismus ein besonderes Merkmal der Stadt. Dadurch konnte sie sich als erfolgreiche Handelsstadt behaupten.

* * *

Als Beleg für die Prosperität und Schönheit von Gaza werden im Folgenden einige historische Quellen in Auszügen zitiert:

 Wichtige Beschreibungen der Flora liefern Reiseberichte früherer Jahrhunderte wie der von Johann Helffrisch, der 1565/66 von Venedig nach Jerusalem gereist war:

 „Gaza die Stadt liegt an einem schönen, lustigen [sic] Ort, dergleichen ich auf der ganzen Reise nicht gesehen habe. Nach Norden und Osten und kurze Strecken auch nach Süden von Gaza dehenen sich reiche Gersten- und Weizenfelder, deren Ernte Robinson am 19. Mai bereits weit vorgerückt fand. Nach Norden schliesst sich dann der größte Olivenhain ganz Palästina’s an, während Dattelpalmen truppweis zerstreut stehen und die köstlichsten Früchte von Aprikosen, Feigen, Granatäpfel, dazu Weintrauben in größter Menge und Güte in den mit Cactusgebüsch und indischen Feigen eingehegten Gärten reifen, […] Lupinienfelder wechseln mit Obstgärten und eine reiche Flora deckt die übrige Ebene. Der Reichthum dieses engeren Bezirks um Gaza, der noch heute einer sorgfältigen Bebauung geniesst, während der größere Theil der alten Sephela, eben diese Küstenebene von Joppe an, unbebaut und mit vielfachen Trümmern bedeckt ist, macht es begreiflich, wie zu einer Zeit, wo eine Reihe bedeutender Städte nur wenig Stunden je von einander entfernt in selbständigster Weise hier blühten, eine merkwürdige Steigerung der Bodenkultur, der regste Verkehr nach dem Binnenlande, wie der Küste entlang sich bilden musste, ja wie man bald daran dachte, der See durch künstliche Bauten sichere Häfen abzugewinnen, die die Natur versagt hatte.“ (Johann Helffrisch, Kurtzer vnd warhafftiger Bericht, Von der Reyß aus Venedig nach Hierusalem, Von dannen inn Aegypten, auff den Berg Sinai, Alcair, Alexandria, und folgends widerumb gen Venedig, , Leipzig 1589, S. 721, zit. in: Stark, Karl Bernhard. Gaza und die philistäische Küste. Eine Monographie, Jena 1852, [Nachdruck Kessinger Publishing’s Legacy Reprints], S. 15f.)

 In dem Abschnitt „Von Khanyounis nach Ghaza“ schreibt Ludwig Salvator (Die Karawanen-Strasse von Aegypten nach Syrien, Prag 1879):

 „Der Weg von Khanyounis nach Ghaza geht eine Strecke zwischen Gärten mit Opuntienhecken und Erdwällen mit darauf gestreckten Dornsträuchern. Zur Linken reichen die Gärten bis zu den Sandhügeln [...] Es führt eine breite sandige Strasse nach Ghaza; indem wir das hübsche Khanyounis im Rücken lassen, schreiten wir auf derselben vorwärts. [...] Auf dieser selben Seite lassen wir einen Weg, der gleichfalls gegen Ghaza leitet; rechterseits führt jedoch die Hauptstrasse unregelmässig durch herrliche, blumige, mit vielen Scyllas besetzte Wiesengründe, wo nur hin und wieder einzelne alte knorrige Sycomoren auftreten. [...] Linker Hand, etwa eine halbe Stunde von der Hauptstrasse entfernt, ist die Ortschaft von Der el Belah (Kloster der Datteln), die einzige, die wir vor Ghaza treffen. [...] Die Ortschaft ist schon von Weitem an den vielen Palmen kenntlich, die ihr ein besonders anmuthiges, malerisches Aussehen verleihen [...] Nördlich von der Ortschaft ist wieder eine schöne Palmengruppe und eine Melleha, welche auch hier auf der Meeresseite von Sandhügeln eingefasst wird. [...] Unweit von derselben führt eine directe Strasse von Der el Belah nach Ghaza; doch wir wollen wieder die Hauptstrasse erreichen und ziehen zu dem Behufe über die Hügel hinter Der el Belah, auf grünenden Wiesen, wo zahlreiche Asphodelen und Scyllas wachsen. Von dem Rücken jener Hügel überblickt man einerseits die frischen Wiesen der Hauptthalsohle, wo viele Kühe des kleinen südsyrischen Schlages weiden, und wo ein alter Sider-Baum, El Djemeter genannt, sich erhebt, bei dem alte Ruinen sein sollen; andererseits übersieht man das weite Meer [...] Auf die Strasse wieder zurückgekommen und auf der Ebene fortschreitend treffen wir viele Zelte von Tarabin-Beduinen, von grossen Rinderherden umgeben [...] Wir hielten uns nur eine kurze Weile auf dem offenen Wiesengrunde zum Frühstück auf, da uns viel daran gelegen war, bald Ghaza zu erreichen. Nicht lange darauf gelangten wir zu Wadi-Ghaza [...] Schon winken uns aus der Ferne die vielen Minarete und Palmen von Ghaza freundlich entgegen. [...] Durch Felder und durch die mit Opuntien von der stacheligen Sorte eingezäunten Gärten , wo Mandel-, Feigen- und Oel-, Sycomoren- und einige Atel-Bäume wachsen, schreiten wir an der von Erdwällen eingefassten Strasse vorwärts, und nachdem wir an dem Quarantaine-Gebäude vorbei gekommen waren, erreichen um 2 ½ Uhr Ghaza. Hier angelangt, heisst es sich von unseren Kameelieren trennen – und nicht ohne Wehmuth drückte ich dem braven Daud die Hand, der mir von El Kantara bis Ghaza stets zur Seite gestanden war. Alles unnöthige Gepäck wurde beseitigt; wir waren ja im gelobten Lande, im Lande der Fülle und des Reichthums. Nach einigen Tagen Rast in Ghaza machten wir uns mit unseren Pferden und Maulthieren wieder auf den Weg, um zum dritten Male nach Jerusalem zu pilgern.“

Obwohl das Saatgut seit der Antike verbessert wurde, lässt dennoch die Veröffentlichung zur „Wirtschaftliche[n] Lage des Bezirkes Gazas im Jahre 1899“ einen vorsichtigen Rückschluss auf die Bedeutung der Landwirtschaft des antiken Gazas zu. Das deutsche Kaiserliche Konsulat in Jerusalem berichtete:

 „Die Haupterwerbsquelle der Bevölkerung [Gazas] bildet die Landwirtschaft. Der Bezirk Gaza ist reich an gutem und fruchtbarem Ackerland, dessen Ausdehnung auf etwa 2 000 000 Dunum = 180 018 ha geschätzt wird. Die durchschnittliche Jahresproduktion beträgt bei den einzelnen Fruchtarten: Gerste 2 Millionen Kele (à 20 kg), Weizen 1 Million Kele (à 30 bis 32 kg), Sesam 150 000 Oka (à 1,282 kg), Durrah [Mohrenhirse] 1 400 000 Kele (à 27 bis 29 kg), Ackerbohnen 3000 Kele, Koloquinten [kürbisartige Pflanze, 1 Kön 7,23–24], geschälte, 15 000 bis 20 000 Oka, Linsen 5000 Kele (à 35 kg), Olivenöl 10 000 Djarra (à 5½ Rottol à 2,8846 kg), Futterstroh 18 000 Kamellasten zu 100 bis 120 kg, Brenn- und Baustroh 15 000 Kamellasten, Bittermandeln 2000 Oka, Schafswolle 20 000 Oka, Schaffelle 4 bis 5000 Stück, Därme 2000 Frcs., Rinds- und Kameelhäute 5 bis 600 Stück und Wolfbohnen und Lupinen 2 bis 3000 Kele (à 25 kg). Es könnten noch reichlichere Ernten aus dem Getreidebau erzielt werden, wenn der Ackerbau in rationeller Weise betrieben und das teilweise noch brach liegende Land im Bezirk von Gaza in Kultur genommen würde. Klima, Boden und Bewässerungsverhältnisse sind zur Anlegung von Obst-, Wein- und Orange-Gärten sehr geeignet. Die Ausfuhr erstreckt sich demgemäss auch hauptsächlich auf landwirtschaftliche Produkte. Dieselbe bewertet sich bei Gerste auf 3 125 000 Frcs., bei Weizen ad zwei Millionen Frcs., bei Durrah auf 2 500 000 Frcs., bei Sesam auf 240 000 Frcs, bei Koloquinten auf 35 000 Frcs., bei Linsen auf 15 000 Frcs., bei Schafwolle auf 12 000 Frcs., bei Ackerbohnen auf 17 500 Frcs., bei Datteln und anderen Früchten auf 50 000 Frcs. Und bei Geflügel und Eiern auf 100 000 Frcs. Töpferwaren wurden im Werte von 25 000 Frcs. ausgeführt.“ (Anonym nach einem Bericht des Kaiserl. Konsulats in Jerusalem, Die Wirtschaftliche Lage des Bezirkes Gaza im Jahre 1899, in: Palaestina, Zeitschrift für die culturelle und wirtschaftliche Erschliessung des Landes, Heft 1, Januar 1902, S. 39f.)

Münze: Hadriansmünze mit der Stadtgöttin von Gaza und dem Marnas-Zeichen (117–138 n. Chr.). Quelle: Keel, Othmar u. a., Orte und Landschaften der Bibel, Band 2, Zürich 1982, S. 83.